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Natur und Kunst

Michael Thiele

T+T CONSULT - Training/Academy

Einige Imker mögen ihre Bienen als „kleine biologische Robotter“ (1) bezeichnen und ihre Bienenhaltung entsprechend einrichten; sie mögen theoretisieren so viel sie wollen, den wirklichen Kern der Sache treffen sie in der Regel nicht - viele Öko-Imker eingeschlossen. Gut beraten ist, wer sich an das Goethe-Wort erinnert: „Man habe auch tausendmal von einem Gegenstande gehört, das Eigentümliche desselben spricht nur zu uns aus dem unmittelbaren Anschauen“. Wenn nun auch das Denken in der richtigen Weise angewendet wird, kommen wir der Essenz des „konkreten und archaischen Bienen ‘denken’“ (2) auf die Spur.

„Die Natur ist doch das einzige Buch, das auf allen Blättern großen Gehalt bietet“ notierte Goethe in Italien. Erstaunlich ist, daß ihm das Theater gar keine Freude mehr gibt. Die Natur und die bildende Kunst ist ihm in Italien wichtiger geworden: „Ihre Zeremonien und Opern, ihre Umgänge und Ballette, es fließt alles wie Wasser von einem Wachstuchmantel an mir herunter. Eine Wirkung der Natur hingegen wie der Sonnenuntergang, von der Villa Madama gesehen, ein Werk der Kunst wie die viel verehrte Juno machen tiefen und bleibenden Eindruck ... Die Opern unterhalten mich nicht, nur das innig und ewig Wahre kann mich nun erfreuen“. Im Dezember 1787 resümiert er: „Der Verstand und die Konsequenz der großen Meister ist unglaublich. Wenn ich bei meiner Ankunft in Italien wie neu geboren war, so fange ich jetzt an, wie neu erzogen zu sein.“ Er sagt von sich, er führe wirklich ein Naturleben, „wie es nur irgend auf dem Erdboden möglich ist.“

Ein fundiertes Kunst- und Naturverständnis eignete sich Goethe auf seiner fast zwei Jahre währenden italienischen Reise an: „In der Kunst muß ich es so weit bringen, daß alles anschauende Kenntnis werde, nichts Tradition und Name bleibe, und ich zwinge es in diesem halben Jahre, auch ist es nirgends als in Rom zu zwingen“. Er studiert Kunstwerke und Werke der Natur - nicht wie dies heute vielfach an Universitäten gelehrt wird: „Diese hohen Kunstwerke sind zugleich als die höchsten Naturwerke von Menschen nach wahren und natürlichen Gesetzen hervorgebracht worden. Alles Willkürliche, Eingebildete fällt zusammen, da ist Notwendigkeit, da ist Gott“. Goethe schreibt 1787 in Rom, wenn er imstande wäre eine Akademie zu gründen, würde er darauf achten, daß seine Schüler irgendein Naturstudium ernsthaft und im o.g. Sinne absolvieren. Denn nur so kann eine fruchtbringende, natürliche Heilkunst - im Gegensatz zur modernen allopatischen Medizin, eine menschengemäße Erziehungskunst - im Gegensatz zum bestehenden „Erziehungs- und Bildungssystem“, eine Kunst der Landbewirtschaftung und Bienenhaltung - im Gegensatz zur heute üblichen Betriebsweise, „ökologische Bienenhaltung“ eingeschlossen - entstehen.

Der etwas traurige Begriff, den man im südlichen Italien im 18. Jahrhundert von den nördlichen Ländern hatte: „Sempre neve, case di legno, gran ignoranza, ma danari assai“ und den Goethe „zur Erbauung sämtlicher deutschen Völkerschaften“ übersetzt mit „Immer Schnee, hölzerne Häuser, große Unwissenheit; aber Geld genug“, muß nicht darüber hinweg täuschen, daß Deutschland die Natur nicht zu schätzen wüßte. Die neue Wende in der deutschen Klima- und Energiepolitik sowie die Agrarwende dürften weltweit auf positive Resonanz stoßen. Die meisten denken auch nicht daran wegen vereinzelter Bio-Skandale (Stichwort Nitrofen) gleich die Flinte ins Korn zu werfen. Auch das neue von Frau Künast entwickelte „Bio-Label“ erweist seine guten Dienste. Niemand käme auf die Idee, zu sagen: „Das kannst du dir an den Hut stecken!“, oder wer wollte das Zeichen nehmen und es sich tatsächlich an den Hut heften - als eine Art Happening im Sinne von Josef Beuys? Es ist wirklich erstaunlich, daß Frau Künast dieses Happening vor aller Augen auf der grünen Woche in Berlin vorgeführt hat (3).

Aktionen dieser Art sind gut und nützlich, doch wie steht’s mit den Akteuren, die an der Agrarwende beteiligt sind? Wer berät sie? Wie schlägt sich diese Beratung in Veröffentlichungen nieder? Was zeichnet die Verfechter der Ökologischen Bienenhaltung aus?
Was verstehen sie unter Natur und Kunst? Hier einige Beispiele.

Die Biologen Frau Keppler und Herr Hähnle, die in ihrem Artikel „Ökologische Bienenhaltung - was zeichnet sie aus?“ für den Bioland- und Naturland-Verband sowie den Demeter Bund kräftig die Werbetrommel rühren, informieren den ahnungslosen Leser:

„Ziel der ökologischen Bienenhaltung ist eine hohe Qualität der Imkereiprodukte, die sich dadurch auszeichnen, daß sie unverfälscht sind..." (4).

Der Leser erhält den Eindruck, daß Imker, die nicht in einem dieser drei Bio-Verbände organisiert sind, ihren Honig verfälschen. Dies ist zumindest in Deutschland seit 1976 durch die Honigverordnung verboten und wird daher von keinem einzigen Imker in Deutschland praktiziert! Haben die beim Deutschen Bienenjournal keine Lektoren? Verständlich ist die Reaktion renommierter Wissenschaftler auf derartige Aussagen. Vielfach sieht man nur das Theater, das um die ökologische Bienenhaltung gemacht wird, und kommt gar nicht auf die Idee, daß wirkliche Natur mit einbezogen sei; ganz im Gegenteil, man hat eher den Eindruck der Verbraucher solle irregeführt werden: „Auch zahlreiche andere Honige weisen gemäß Öko-Test keine Rückstände auf, gelten aber laut Öko-Test nicht als „kontrolliert biologisch erzeugt“. Wird hier nicht mit zweifelhaften Begriffen der Verbraucher irregeführt?“ (5)

Obwohl das Anwandern von konventionellen Obstanbaugebieten bei den oben genannten Verbänden verboten ist, will man sich doch ein Hintertürchen offen lassen. „Um den Verbraucher nicht in die Irre zu führen“ (6) - wie es so schön heißt - findet man beim Bioland-Honig auf dem Etikett den Hinweis: „Wegen des großen Flugradius der Bienen ist nicht zu erwarten, daß sie in jedem Fall nur oder überwiegend ökologisch bewirtschaftete Flächen anfliegen“ (7).

Was verstehen die Autoren unter ökologischer Bienenhaltung? Eine „artgemäße Bienenhaltung“ (8) zum Beispiel. Was verstehen sie unter artgemäß? Hauptsächlich, daß man die Bienen nicht von den Lebenden zu den Toten befördern soll: „Eine Vernichtung der Bienen ist aus Tierschutzgründen verboten“ (9). Ein freundschaftlicher Umgang mit den Bienen gehört natürlich zum guten Tone. Es ist klar, daß eine Verstümmelung (z.B. Flügelstutzen der Königin) auch ausgeschlossen ist - obwohl einige Öko-Imker da anderer Meinung sind (10).

Bei aller Liebe zu den Bienen, bei der Zucht hört die Freundschaft auf: „Zur Zucht finden sich in der EU-VO keine Vorschriften. Die deutschen Öko-Verbände empfehlen allerdings die Ausnutzung des natürlichen Schwarmtriebs zur Vermehrung“ (11). Die Öko-Verbände geben zwar Empfehlungen, dennoch ist die künstliche Königinnenzucht mit Umlarven, und die künstliche Besamung der Königin mit Narkose sowie künstliche Vermehrungsmethoden, „Super-Königinnen“ usw. erlaubt (12).

Freundschaftlich gibt man sich wieder hinsichtlich der Beuten: „Die Behausung der Bienen soll überwiegend aus natürlichen Materialien bestehen“ (13). Wenn die Bienenkästen in einzelnen Fällen von Drahtverbauungen und Plastikkleinteilen innerhalb der Beuten nur so strotzen, sollte dies - so die Autoren - nicht darüber hinweg täuschen, daß sie „überwiegend aus natürlichen Materialien bestehen“ (14). - Was natürlich nicht bedeutet, daß der sogenannte „Öko-Imker“ sich an die international üblichen oder für die Bienen sinnvollen Beuten- und Rähmchenmaße halten muß. Ein gewisser Herr Knabel, Demeter Imker und Kollege von Herrn Weiler, war so clever, daß er just ein neues Maß erfunden hat! - Nämlich das „9- Waben ZaDant Magazin“ mit den Rähmchenmaßen 42x33 cm (15). Stolz schreibt er: „Aus der Erfahrung heraus, die Andreas Knabel, während seiner zweijährigen Ausbildung bei Günter Friedmann machte, entwickelte er ( als gelernter Schreiner) das System in kleinen Abänderungen der Bauweise weiter ... So kann das von der Imkerei Knabel angebotene Zargensystem auf eine Erfahrung von zwei Imkermeistern und einem gelernten Imker und Schreiner zurückgreifen“ (16). - Großartig! Und richtig mit eigener Historie: „Zunächst entwickelt wurde dieses neun- Waben Magazin im Zander Maß mit Falzkranz von Josef Bretschko. Günter Friedmann entwickelte dieses dann 1998 weiter ...“ (17). Sollte das bedeuten, daß wir nunmehr drei Dadant-Maße in Deutschland besitzen? Das klingt rekordverdächtig und erinnert mich an ein interessantes Editorial des Imkerei-Technik Magazins:

„Nirgendwo auf der Welt gibt es so viele verschiedene Rähmchenmaße und Beutensysteme wie in Deutschland. Das hat Tradition, die auch heute noch munter fortgesetzt wird! Darin sind wir unbestrittener Weltmeister und werden es auch noch lange bleiben. Eine Trendwende ist noch lange nicht in Sicht. Nur ein kleines Beispiel: Unsere europäischen Nachbarn (Frankreich, Spanien, Italien, die Schweiz und die Ostländer) haben sich schon lange überwiegend für die Dadantbeute (ausschließlich Typ Blatt) entschieden. In Deutschland hat man es fertiggebracht, den Imkern das sogenannte ‘modifizierte’ Dadant schmackhaft zu machen. Jetzt haben wir also neben dem ganzen Rähmchensalat auch noch 2 verschiedene Dadant-Maße und Dadant-Beuten. Das gibt es in keinem anderen Land der Welt! Und diesen nicht gerade rühmlichen Weltmeistertitel wird uns in absehbarer Zeit auch keiner wegnehmen!“ (18).

Ein Hauch von Natur will man sich nicht nehmen lassen: „Die Verbandsrichtlinien des Bioland-Verbandes sehen auch die Möglichkeit zum Naturbau vor“ (19). Zumindest solle für den „Öko-Imker“ theoretisch die Möglichkeit bestehen, sich an die Natur zu halten. Die Autoren warnen aber gleich vor zuviel Natur: „Hierbei ist allerdings mit Drohnenbrut zu rechnen“ (20).

Frau Keppler und Herr Hähnle haben uns die sogenannte ökologische Bienenhaltung etwas näher gebracht. Nun fragen sie sich: „Was ist bei ihr anders?“ (21). Wahrlich, das fragt man sich manchmal! Bisher konnten noch keine gravierenden Unterschiede ausgemacht werden. Aber es ist ja das Ende des Artikels noch nicht erreicht. Es fehlt noch das Thema Honigqualität; hier werden sie sicher einiges zu sagen haben - man muß nur Acht geben, daß man es nicht übersieht!

„Auf EU-Ebene werden keine besonderen Regelungen für Öko-Honig getroffen“ (22).

Ja, bei den Öko-Verbänden sieht das natürlich ganz anders aus; die Autoren referieren über die Biolandrichtlinien. Darin heißt es: Die Lagerung des Honigs soll „am besten im gerührten Zustand erfolgen. Zum Abfüllen ist dann nur noch ein Antauen des Honigs nötig“ (23).

Die Autoren sind überzeugt, daß sogenannte „Öko-Imker“ nach ihrem Verständnis ein „hochwertiges Produkt“ (24) vermarkten könnten. Wie wenig dies jedoch mit dem o.g. Verständnis von Kunst und Natur zu tun hat, haben wir recht deutlich gesehen und wird weiter diskutiert (25); davon zeugen auch die abstrakten Schemata, wie sie von den Autoren angeführt werden zum Thema „Biene und Mensch im Naturhaushalt“.

So gibt es Viele, die sich keiner rechten Natur- und Kunstbetrachtung widmen können, und zu vielerlei Fehlschlüssen geleitet werden. Goethe begegnet ihnen immer wieder auf seiner italienischen Reise; er beschreibt sie als Wespen in seinem Zimmer, „die gegen die Fenster fahren und die helle Scheibe für Luft halten, dann wieder abprallen und an den Wänden summen.“ Goethe hat eine ganz eigene Art mit ihnen umzugehen: „Ich bin unbarmherzig, unduldsam gegen alle, die auf ihrem Wege schlendern oder irren und doch für Boten und Reisende gehalten werden wollen. Mit Scherz und Spott treib’ ich’s so lang, bis sie ihr Leben ändern oder sich von mir scheiden.“ Dabei hat er schon eine Vorauswahl getroffen, denn „Halb- und Schiefköpfe werden gleich ohne Umstände mit der Wanne gesondert.“ Dabei sei angemerkt, daß Goethe auf seiner italienischen Reise von sich sagt, er sei ein Kind des Friedens und wolle „Frieden halten für und für, mit der ganzen Welt“, da er ihn einmal mit sich selbst geschlossen habe.

  1. Gary, N.E., 1992, 1999: Activities and behaviour of honey bees. The hive and honeybee. Dadant & Sons Hamilton/USA.
  2. Lipinsky, Z., 2002: Essence and mechanism of nest abandonment by honeybee swarms. Swarming, absconding, migration and related phenomena. Olsztyn/Polen.
  3. Hansen, H., 2002: Es grünt so grün auf der weltgrößten Agrarschau. Schrot & Korn. Das Naturkostmagazin 3/2002. Schaafheim.
  4. Keppler, C. & Hähnle, A., 2002: Ökologische Bienenhaltung - was zeichnet sie aus? Deutsches Bienenjournal 10 (10): 416-417. Berlin.
  5. Dustmann,J.H., 2002: Honig auf dem Prüfstand. Deutsches Bienenjournal 10 (5): 183. Berlin.
  6. Keppler, C. & Hähnle, A., 2002. Siehe Anmerkung 4.
  7. Ibid.
  8. Ibid.
  9. Ibid.
  10. Im Organic Beekeeping Journal 8/2001 (http://www.thehealingpath.com) kann man folgende Empfehlung an Öko-Imker lesen: „The best methods of managing the swarm impulse, is to clip the queens wings and catch the swarm from the ground“. Ins Deutsche übersetzt: „Die besten Methoden den Schwarm Impuls in den Griff zu bekommen, ist das beschneiden der Königinnenflügel und das Auffangen des Schwarms vom Boden“
  11. Keppler, C. & Hähnle, A., 2002. Siehe Anmerkung 4.
  12. Thiele, M., 2002: Discussion of standards for organic beekeeping in Europe and USA. Bad Sooden/Germany. Siehe auch Internet Kurse # 01, #02 und #03. Bad Sooden, Germany.
  13. Keppler, C. & Hähnle, A., 2002. Siehe Anmerkung 4.
  14. Ibid.
  15. Knabel, A., 2002: Neues Zargensystem: 9- Waben ZaDant Magazin. 88696 Billafingen.
  16. Ibid.
  17. Ibid.
  18. Koch, K.-R., 2002: Editorial. Imkerei-Technik Magazin 2/2002. Oppenau/Schwarzwald.
  19. Keppler, C. & Hähnle, A., 2002. Siehe Anmerkung 4.
  20. Ibid.
  21. Ibid.
  22. Ibid.
  23. Ibid.
  24. Ibid.
  25. Thiele, M., 2002: Honeyquality. Bad Sooden/Germany. Und Thiele, M., 2002: Quality of beeproducts and understanding of honeyquality in the "organic scene". Bad Sooden/Germany.

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