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Gentechnik und Bienen

Michael Thiele

Immer wieder werde ich gefragt, warum ich denn nichts über aktuelle Themen schreiben würde wie: Nebenwirkungen gentechnisch veränderter Pflanzen z.B. auf Bienen? Was gibt es neues über "Gaucho" & Co? Bedroht die Terminator -Technologie die Erde? Werden die Staaten von der Gentechnik-Industrie überwältigt? Warum hört man in führenden Imkerzeitschriften so wenig davon? Diese Themen und viele mehr wurden bereits ausführlich behandelt, und werden ständig aktualisiert in unseren Kursen (1/2/4/5) und Briefen zur wesensgerechten Bienenhaltung (6). 

Was gibt es Neues? Neue und großartige Erkenntnisse lassen die Artikel (7/8) von Herrn Dr. Hedtke erwarten - denn an Mühe und Aufwand hat er in seiner Untersuchung nicht gespart. Sehen wir uns die Sache einmal genauer an. Er schreibt: 

"Um, jenseits der guten landwirtschaftlichen Praxis, einen sogenannten 'schlimmsten Fall' untersuchen zu können, wurden kurz nach Vegetationsbeginn im Frühjahr weitere Versuchsfelder mit der doppelten Menge (6 Liter Basta/ha) behandelt - vom Ansatz durchaus richtig nach der "worst case" Methode zu verfahren, aber sehen wir weiter (M.T.) - Für die Messung der Nektar Produktion wurden Raps Blüten über 24 Stunden mit Gaze abgebunden, so daß Insekten keinen Zugang zu den Nektarien bzw. Staubbeuteln hatten" (7)

Gesetzt den Fall das Gaze hätte keinen Einfluß auf die Nektar Produktion oder Sonneneinstrahlung: wie steht es mit dem kosmischen Einfluß? Es ist heute durchaus bekannt, daß bezüglich Menge und Qualität der Nektar Produktion nicht jeder Tag dem andern gleicht (3). An welchen Tagen hat er denn die Proben genommen? Hat er dieses Phänomen berücksichtigt? Nichts Dergleichen erfahren wir; statt dessen: 

"Mit Mikro-Pipetten wurde den Blüten der Nektar entnommen, - mag er doch! (M.T.) - die Nektarmenge gemessen und anschließend der Zuckergehalt refraktometrisch bestimmt"(7)

Aber ich bezweifle, daß er alle Nektar- und Pollenproben an einem Tag genommen hat! Wenig später erfahren wir es von ihm selbst:

"Zur Bestimmung der Pollenproduktion der Raps Sorten und Behandlungsvarianten wurden an mehreren Terminen je 10 Blüten, die kurz vor der Öffnung standen, abgeschnitten - Denkfehler? Wissenslücke? Wir wissen es nicht (M.T.). Im Labor wurden die Antheren der Blüten gewogen und deren Pollen für die mikroskopische Größenmessung verwendet" (7)

Warum auch nicht, damit kennt er sich aus; wir wollen ihm aber nicht dabei zusehen, wie er Antheren und Pollen abwiegt, ausmißt und miteinander vergleicht. Uns würden vielmehr die Auswirkungen dieser Pollen auf die Bienen interessieren - und das schon von Anfang an. Statt dessen hören wir nur wo er wieder neue Pollen zur Messung gefunden hat:

"Darüber hinaus wurden im Winterrapsfeld Pollen sammelnde Wildbienen gefangen, ihre Pollenladung abgestreift und anschließend im Labor analysiert. Ebenso wurden am Rand des Rapsschlages fliegende Rapsglanzkäfer (Meligethes asneus) gefangen und die am Körper haftenden Pollen bestimmt. Zur Analyse des Honigs wurden den Bienenvölkern Waben entnommen und der Honig volksweise gewonnen. Der Honig wurde mit Wasser verdünnt, bei 3500 Umdrehungen pro Minute je 2mal für 10 Minuten zentrifugiert, das Sediment wurde auf Objektträger überführt und bezüglich der Rapstrachtnutzung lichtmikroskopisch analysiert. Je Präparat wurden 1.000 Pollenkörner bestimmt und ausgezählt, n = 22.000 - das verspricht Vollbeschäftigung für das ganze Institut! (M.T.) -" (8).

An Wildbienen, Rapsglanzkäfern, in Honigbienen, und im Honig wurde nach Pollen gesucht. Dabei wird mit den Versuchstieren alles Andere als zimperlich umgegangen:

"Um das Sammelgut der Honigbienen qualitativ zu untersuchen, wurden sowohl im Freiland als auch, um zum Vergleich eine reine 'Rapstracht' zu gewinnen, in Flugzelten Honigbienen gefangen und anschließend tiefgefroren. Im Labor wurden die Honigblasen präpariert, die Pollen in den Sozialmägen determiniert und gezählt sowie der Zuckergehalt refraktometrisch und die Zuckerzusammensetzung mittels HPLC bestimmt" (8). 

Aber wo sind die neuen Erkenntnisse, für die er ja schließlich bezahlt wurde? Mindestens zweimal versichert er uns, sein Gutachten sei durch Steuergelder finanziell unterstützt worden (7/8). Wenn wir uns seine Ergebnisse ansehen, müssen wir Acht geben, daß wir sie nicht übersehen, denn was er Ergebnisse nennt, nennen Andere vielleicht hinlänglich bekannte Tatsachen. Diese Stelle hätte ich zum Beispiel beinahe übersehen:

"(...) und das Ergebnis dieses Versuchs deutet doch auf eine öfters vorkommende gleichzeitige Nutzung der Tracht durch die Bienen hin" (8).

Wie Schuppen fällt es uns von den Augen! Da mag über die Bieneninstitute schimpfen wer will: "Vorwürfe dürfen wir den überzähligen Instituten und Bienenwissenschaftlern in Deutschland machen (in keinem Land der Erde gibt es so viele bienenwissenschaftliche Institute und 'Bienenwissenschaftler' wie bei uns in Deutschland). Hypothetisch stellen wir an dieser Stelle einmal die wohl berechtigte Frage: 'Was machen die eigentlich???" (10). Ist das denn nichts, was Herr Dr. Hedtke an Ergebnissen vorzuweisen hat?

"Abschließend sei angemerkt, daß insgesamt ein Auskreuzungsrisiko während der Sommerrapsblüte höher zu sein scheint, da in dieser Phase die mit dem Raps kompatiblen Kreuzblütler ihre Hauptblühphase haben" (8).

Zeugt es nicht von einer überaus genauen Beobachtungsgabe, wenn er feststellt, daß im Sommer mehr Pflanzen blühen als im Winter? Was schließt Herr Dr. Hedtke daraus messerscharf?

"Ein Risiko der Auskreuzung gentechnisch veränderter Eigenschaften ist während der Sommerrapsblüte als höher einzuschätzen, da zu dieser Zeit alle kompatiblen Kreuzungspartner blühen" (8).

Großartig! werden seine Kollegen sagen. Aber warum beschäftigen wir uns so lange mit ihm? Nun, bislang haben wir ihn als fleißigen Bienenwissenschaftler kennengelernt, wie er in seinem Länderinstitut für Bienenkunde in Hohen Neuendorf sitzt und lukrative Aufträge an Land zieht um seine Mitarbeiter in Arbeit und Brot zu halten. Mag er doch! Wir hätten uns gar nicht weiter um ihn gekümmert, wenn uns seine Art Schlüsse zu ziehen nicht aufgefallen wäre:

"Nektar- und Pollenproduktion dieser Rapssorten und Rapsbehandlungsvarianten lassen keine negativen Effekte für die Bienenvölker erwarten" (7).

Wenn diese Art von Logik nur auffällig wäre! Die Haare stehen einem zu Berge! Was schließt Herr Dr. Hedtke aus seinen Versuchen? Nach einer ganz sonderbaren Logik, dünkt mich, gerade das Gegenteil von dem, was er daraus hätte schließen sollen. Woher will er wissen, daß keine negativen Effekte für die Bienenvölker zu erwarten sind? Nur weil er nichts gefunden hat? Oder weil andere, bekanntere Bienenwissenschaftler in ihrem Bereich auch nichts gefunden haben?:

"Von den hier untersuchten restaurierten Winterrapshybriden geht keine Gefahr in Form einer Beeinträchtigung der Entwicklung von Bienenvölkern aus" (9).

Dieser Satz ist Herrn Dr. Hedtke im Gedächtnis geblieben und ganz seiner Logik entsprechend, folgert er seinen Analogieschluß (Argument by analogy): auch meine Versuche "lassen keine negativen Effekte für die Bienenhaltung erwarten" (7). Ich habe wirlich keinen größeren Augenzumacher gesehen! Er zitiert noch Literatur von Picard-Nizou, Pham-Delègue und anderen (11), die ihn eigentlich hätte aufhorchen lassen müssen, gerade in Bezug auf negative Effekte der transgenen Rapspollen für die Bienenhaltung; dazu sei nur angemerkt, daß wir diese Thematik an anderer Stelle ausführlich behandelt haben (4). Obwohl er die Literatur selbst zitiert hat, ist ihm leider kein Licht aufgegangen. Statt dessen hält er sich mit Äußerlichkeiten auf: "Die geringen Unterschiede im Antherengewicht und der Pollenkorngröße dürften für die Bienenhaltung, im besonderen für die Menge des Polleneintrages der Völker, von keinerlei Relevanz sein" (7). Haben Sie etwas anderes erwartet? Vielleicht. Ist Herr Dr. Hedke ein Sonderfall, oder finden wir diese Art Wissenschaftler heute durchaus häufiger, so daß es auch vorkommen kann, daß sich derartige Wissenschaftler gegenseitig schützen? Wir lassen die Frage vorerst offen. Doch einmal im Ernst, glauben Sie, einem Bienenwissenschaftler wie Herrn Hedtke könnte man trauen, wenn er uns "schlüssig" beweisen will, gentechnisch veränderte Pflanzen hätten keinerlei Auswirkung auf die Bienen? Jedes Ammenmärchen ist glaubwürdiger als diese seine Schlußfolgerungen.

Anmerkungen und weiterführende Literatur

  1. Thiele, M. 2001: Kurse über wesensgerechte Bienenhaltung V Der Einfluß gentechnisch veränderter Pflanzen auf die Bienen; Empfehlungen für den Imker; über große und kleine "Simplifikateure". Bad Sooden/Deutschland (erscheint voraussichtlich im Sommer 2001).

  2. Thiele, M. 2000: Kurse über wesensgerechte Bienenhaltung I. Kritik der modernen Bienenhaltung. Bad Sooden/Deutschland. 

  3. Thiele, M. 2000: Kurse über wesensgerechte Bienenhaltung II, Teil II. Kosmische Einflüsse, Honigquellen, Bienenrassen. Bad Sooden/Deutschland. 

  4. Thiele, M. 2001: Kurse über wesensgerechte Bienenhaltung III, Teil III Der Einfluß gentechnisch veränderter Pflanzen auf die Bienen; Empfehlungen für den Imker. Bad Sooden/Deutschland. 

  5. Thiele, M. 2000: Kurse über wesensgerechte Bienenhaltung IV. Ganzheitliches Denken im Gegensatz zu reduktionistischen Denkweisen. Bad Sooden/Deutschland.

  6. Thiele, M. 2001: Briefe zur wesensgerechte Bienenhaltung Teil I, N° 1-24. Sooden/Deutschland. 

  7. Hedtke, C. 2000: Nektar- und Pollenproduktion transgener und konventioneller Rapsblüten. Dt. Bienen Journal 8 (3) : 21-22, Berlin/Deutschland. 

  8. Hedtke, C. 2000: Gentechnisch veränderter Raps als Trachtquelle von Honig- und Wildbienen bei Freisetzungsversuchen. Dt. Bienen Journal 8 (4) : 19-21, Berlin/Deutschland.

  9. Ohe, W. von der; Dustmann, J.H. und Ohe, K. von der 1999: Untersuchung von Rapsblüten restaurierter Winterrapshybriden und Liniensorten auf Unterschiede im Pollengehalt. Dt. Bienen Journal 7 (4) : 13-14, Berlin/Deutschland.

  10. Koch, K.-R. 1997: Api-flash - kurz belichtet. News & Infos rund um die Imkerei. Imkerei-Technik Magazin 2 (4): 4-5. Oppenau/Schwarzwald/Deutschland.

  11. Picard-Nizou A. L., Pham-Delègue M. H., Kerguelen V., Douault P., Marilleau R., Olsen L., Grison R., Toppan A., Masson C., 1995: Foraging behaviour of honey bees (Apis mellifera L.) on transgenic oilseed rape (Brassica napus L. var. Oleifera). Transgenic Res., 4, 270-276.

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